Man kann sich vorstellen, dass der Realismus im Kopieren besteht…Tatsächlich kopiert man aber nur den Eindruck, der vom momentan Gesehenen übrigbleibt, das Abbild, das bewusst wird…man kopiert nur die Spuren des Sehens, des Gesehenen.
Im 2004 habe ich eine Ausstellung von und über Elaine Sturtevant gesehen, die Meisterin im Kopieren. Sie kopierte die Originale ihrer Künstlerkollegen:innen sehr zeitnah und oft sogar konnte sie deren Material ausleihen, zum Beispiel ein Sprühsieb von Warhol. Sie hatte ein feines Gespür: Die meisten von ihren ausgewählten Werken sind heute Ikonen der Kunst.
«The brutal truth of this work is that it is not a copy.»
E. Sturtevant
Sie stellte die Frage nach dem wahren Wert der Kunst, nach Original und Originalität.
Auch Robert Gober bediente sich teilweise dieser Kopiertechnik und wollte so Distanz schaffen zum Werk, aber Sturtevant ist die Radikale, sie hat über 40 Jahre lang ‘kopiert’.
«nur die Spuren des Sehens, des Gesehenen»
Mich berührt dieser Satz, der jeden – mich – auf sich selbst zurückwirft, der alles relativ, alles möglich macht, der so vieles offen lässt, weil die Spur bei jedem von uns anders ist.
Siehe Nr. 100.
8.12.2024